Der Bayerische Hiasl
Erstellt am Donnerstag 20. August 2009
Matthias Klostermayr, der am 3. September 1736 in Kissing das Licht der Welt erblickte, ist so manchem besser bekannt als der Bayerische Hiasl, oder „Robin Hood der bayerischen Wälder“. Als Wohltäter wurde er von den Armen und Hungernden geschätzt und als Rebell hielt er die Herrschenden in Atem.
Bevor wir nun in die Abenteuer des Hiasls eintauchen können, müssen wir die damalige Zeit und ihre Geschehnisse etwas näher unter die Lupe nehmen. Die Reise führt zurück in eine Zeit, in der Schwaben und Bayern in unzählige Grundherrschaften und Landeshoheiten zersplittert waren . Der Klerus und der Adel lebte in Saus und Braus und scherte sich wenig um das Wohl der Bauernfamilien, die ihr Brot unter härtesten Bedingungen auf dem Felde erarbeiteten. Missernten und hohe Abgaben machten dem Nährstand das Leben zur Qual. Trotz allem war den Bauern die Jagd verboten und sie wurden bei Zuwiderhandlung grausam und unbarmherzig bestraft. Der Amüsierpöbel ging derweil unter den Blicken der hungernden Bevölkerung seinem Lieblingssport nach, der Jagd. Durch das Verbot des allgemeinen Jagdrechtes erfreuten sich die feinen Herrschaften an einem sehr hohen Wildbestand. Die von den Wildtierherden zertrampelten Felder der Bauern, interessierten die Obrigkeit herzlich wenig. So glich das Leben der Landwirte in diesen trostlosen Tagen einem Jammertal und es ward die Zeit gekommen, in der ein neuer Held auf der Bühne der Geschichte erscheinen sollte.
Der Hiasl wuchs bei seinem Taufpaten auf. Seine Mutter Elisabeth starb bereits als der Recke 16 Jahre alt war und ließ ihn als ältesten Sohn von insgesamt fünf Geschwistern zurück. Er hütete Vieh, ging beim Spinnrad zur Hand und diente als Jagdhelfer. Sehr schnell zeichnete sich der Hiasl durch seine vortrefflichen Schießkünste aus. Es heißt, er hätte einer Taube im Fluge den Kopf abschießen können. Er genoß eine Ausbildung auf dem Gut Mergenthau nähe Kissing und wurde später Oberknecht auf dem Seheranser-Hof des Bauers Baumiller. Dort war er jedoch nicht lange Zeit beliebt, weil dem Bauern die Zuneigung seiner Tochter Monika zum Hiasl missfiel. Als der junge Matthias auch noch zu wildern begann, machte dies das Verhältnis zum Brotgeber nicht besser. Durch seine Wilderei reduzierte er schnell den Wildbestand, wodurch er die Ernte der Bauern sicherte. Seine Beliebtheit stieg noch mehr als er begann, das Wildbret an die Bauern zu verteilen. Eines Tages rettete er sich bei einer Verfolgungsjagd auf die schwäbische Seite des Lechs, indem er todesmutig durch die hochwasserführenden Fluten des Flusses nach Ottmarshausen schwamm. Unser Held wollte der Anführer einer „gerechten Räuberbande“ werden, musste jedoch eine Haftstrafe von neun Monaten im Zuchthaus München verbüßen. Währenddessen gebar ihm seine Geliebte, Monika, den Spross Korbinian.
Kaum aus der Haft entlassen, bekam der Hiasl das Angebot einer Anstellung als kurfürstlicher Jäger beim Kurfürst von München. Dies wies er zurück, folgte stattdessen dem Ruf seiner Kameraden und lebte sodann mit einer 30 Mann starken Truppe im Wald. Ein einschneidendes Erlebnis für Matthias war, als sein Freund der „Sternputz“ ein Stück Wild zu einem vereinbarten Treffpunkt brachte und dort von einem Jäger erschossen wurde. Er konnte einfach nicht begreifen, wieso ein Stück Wild mehr wert sein sollte als ein Menschenleben. Von nun an erlegte die Hiasl-Bande nicht nur mehr Wild, sondern überfiel Amtsstuben und öffentliche Einrichtungen. Die Beute wurde anschließend unter der Bevölkerung verteilt. Daraufhin erließ der kurfürstliche Kammergerichtsrat Hemmer am 25. November des Jahres 1770 einen Steckbrief, auf dem angewiesen wurde den Hiasl „tot oder lebendig“ an die nächste Behörde auszuliefern. Eine abenteuerliche Hetzjagd begann. Er konnte jedoch stets über die Grenzen der kleinen Landgute fliehen, da ihm die ansässigen Behörden nicht über die Grenzen folgen konnten. Alle sechs Wochen wechselte er deswegen sein Revier und mehrte dadurch die Legenden um seine Person. Eine dieser Legenden besagt, daß er angeblich kugelsicher war und deswegen stets vor seinen Verfolgern flüchten konnte. Der wackere Schütze schien diesen Ruf zu pflegen und zeigte den Bauern Schrottkugeln, welche er angeblichen mit der bloßen Hand gefangen hatte. Auf den Mund war der Bursche wahrlich nicht gefallen. Die Geschichten über seine Taten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer, was verständlich wird wenn man beachtet, daß sich sein Wirkungsradius vom Oberallgäu ins Unterallgäu bis hin nach Fürstenfeldbruck, Günzburg, Dillingen, ja bis über den ganzen Landkreis Augsburg erstreckte. Und überall verteilte er großzügig Wildbret und erbeutetes Geld unter den Armen. So hieß es beispielsweise, er könne ein auf seinen angelegten Stutzen gestelltes Glas so vollkommen ruhig halten, daß das Wässerchen nicht einmal zucke. Auch so manchem Wetterhahn auf der Dorfkirche soll er ein Auge in dessen Kopf geschossen haben. Doch als die Räuberbande durch Todesfälle und Abwanderungen immer mehr zerfiel, wandte sich auch das zuvor wohl gesinnte Volk von seinen Helden ab. Am 14. Januar des Jahres 1771 kam es im Osterzeller Gasthaus nach einer fürchterlichen Schießerei und vielen Toten zur Verhaftung des Hiasls. Seine Ergreifung ging zurück auf Verrat aus den eigenen Reihen und feigen Denunzianten aus dem Volke. Auf einem Kälberschlitten wurden die Wilderer über Buchlohe nach Dillingen geschleppt um dort peinliche Verhöre ertragen zu müssen. Auch Geschichten über schreckliche Foltermethoden sind aus dieser Zeit bekannt. Die Anklagepunkte waren Wilderei, Raub, Landfriedensbruch und Totschlag.
Im Gefängnis schrieb er einen Brief an seinen Sohn in dem es hieß, daß sich Gewalttätigkeit nicht lohne und Gewalt wiederum Gegengewalt erzeuge. Der 6. September des Jahres 1771 war der Tag seiner grausamen Hinrichtung. Er wurde in eine Kuhhaut gewickelt, auf ein hölzernes Gestell gebunden und mit zwei Pferden zum Richtplatz gezogen. Dort spannte man ihn auf eine Radbrechmaschine und erdrosselte ihn mit einem Strick. Mit der Schneide des Rads wurde er gevierteilt und zur Abschreckung auf den Landstraßen in allen Himmelrichtungen aufgehängt. Sein Kopf wurde auf den Galgen genagelt und seine Eingeweide darunter vergraben. Hiasls letzten Worte waren:
„Dem Menschen ist es gesetzt zu sterben und auch von denen, die mich gerichtet haben, wird in 50 Jahren gewiss keiner mehr am Leben sein!“
Zwar konnten sie unseren Volkshelden hinrichten, konnten Einzelne zum Verrat anstacheln, seine Legenden jedoch sterben nie. Durch seine Taten lebt der bayerische Hiasl als Führer der „gerechten Räuberbande“, „Rebell gegen die Obrigkeit“ und Mildtäter gegenüber Frauen, Kindern und Armen auf ewig weiter. Sein Charme, Witz und Können wird bei unseren Enkeln noch in aller Munde sein und seine Legenden noch so manchen spannenden Abend am prasselnden Lagerfeuer bescheren.
Wer weiß, vielleicht sitzt des Hiasls Geist ja dort bei uns und grinst uns schelmisch zu. Unser Held aus dem augsburger Umland, wir halten sein Andenken in Ehren!
Auch in heutiger Zeit taucht der Hiasl noch in volkstümlichen Witzen auf. So lautet zum Beispiel einer:
“Guadr Mo”, sagt der Schutzmann zum Hiasl, “duad mr leid, aber bei uns in dr Schdod kosch net oinfach an’n Laternamascht hiebiesla. Des koscht di fünf Minza!” Mürrisch, aber ohne Widerrede zählt ihm der Hiasl sechs Münzen hin. “Wiaso sechse?” fragt der Gendarm, “für wos is’n dia Extra-Minz?” Worauf der Hiasl zischt: “An Schoas hab i o no g`lassa!”










